© Ueli Bürgisser, Zürich
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Der letzte Viertausender

Noch deutet nichts auf den Wetterumsturz hin. Still und ewig ragen die schneebedeckten Gipfel in den Sternenhimmel. In der voll besetzten Hütte wird Polka getanzt, dass die Wände zittern. Die Türe fliegt auf und erhitzte Gesichter drängen lachend und scherzend ins Freie. Eine schlanke Gestalt lehnt sich neben Josef ans Holzgeländer. «Sag mal, wie ist es so, drüben
Josef schaut in ein gerötetes Gesicht mit blitzenden Augen. «Du meinst, in den Staaten? Nun, alles eine Nummer grösser halt... Aber bist du nicht das Margritli, die Kleine vom Saxerhof?»
«War ich mal», feixt die Fragerin. «Gell, ich bin gross geworden!»
«Gross und hübsch dazu!»
Die junge Frau lacht. «Charmeur! und dir sagt man jetzt Cowboy-Joe...»
«Ach Ja?»
«Ja, passt zu einem Draufgänger wie du einer bist! Aber ist das wirklich dein Ernst, mit dem Nordgrat?»
«Yeah, ist es.»
«Du solltest zuwarten, bis die Prognosen besser sind.»
«Geht nicht, am Dienstag fliege ich zurück.»
«Du bist verrückt. Musst wohl immer alles gleich sofort haben!»
Josef grinst wie ein ertappter Schuljunge. «Kann schon sein.»
Die Walliserin schaut in den Nachthimmel. «Eine Sternschnuppe», ruft sie. «Ich habe einen Wunsch frei. Komm, wir gehen tanzen!»

Als die Seilschaft am andern Morgen aufbricht, sind die Himmelslichter hinter einer dicken Wolkendecke verschwunden. Vereinzelte Flocken wirbeln durch die Luft. Zwei einsame Stirnlampen suchen sich einen Weg. Josef geht voraus, wie selbstverständlich hat er die Führung übernommen. Nichts ist zu hören als der gleichmässige Atem und die Schritte der Berggänger. Eigentlich wundert sich Josef, dass Peter mitmacht. Am Morgen ist der einfach da gestanden: «Ich komme mit!» ... Josef weiss nicht, was er davon halten soll. Immerhin rückt sein Ziel dank dem alten Schulkollegen in greifbare Nähe. Einer fehlt ihm noch, dann hat er sie alle: alle Viertausender der Schweiz.

Als sie den Einstieg erreichen, setzt eine steife Bise ein. Sie müssen sich beeilen. Die Temperatur ist spürbar gefallen. Mit Zähnen und Platten bewehrt, reckt sich der Grat in die Höhe. Im unteren, einfacheren Teil, klettern die Bergsteiger gleichzeitig. Sie sichern sich notdürftig, indem sie das Seil um die Felszacken gleiten lassen. Auf dem glitschigen Grat ist höchste Konzentration angesagt. «Verdammt!» Josef stöhnt leise auf, als er bei einem Rutscher das Knie anstösst. Ausgerechnet das rechte. Trotz dem lädierten Bein steigt er schneller als sein Partner. Das Seil folgt zögernd, immer häufiger muss er warten. Er wird ungeduldig. Der Wind nimmt laufend an Stärke zu, zerrt am Seil, durchdringt sämtliche Kleiderschichten und fährt kalt den Rücken hinunter. Wenn die Prognosen Recht behalten, wird er sich zu einem Sturm steigern.

Josef schaut nach oben, dem mächtigen Granitblock entlang, der wie ein Polizist auf dem Grat steht. Zum ersten Mal beschleichen ihn Zweifel. Jetzt könnte er in der warmen Hütte sitzen, bei einem Glas Wein. Mit Margritli über das Leben philosophieren, Zukunftspläne schmieden. Was sucht er eigentlich hier, in dieser Eis- und Steinwüste? Wieso hat er nicht wie andere eine Familie, ein festes Zuhause? Was treibt ihn rastlos, wie einen Süchtigen, die Berge hoch?

«Was ist?», ruft Peter.
«Sieht nicht gut aus!», schreit Josef zurück. «Die Platte könnte vereist sein.» Schwer atmend, mit hochrotem Kopf erreicht Peter den Stand. Schon von der Statur her sind sie Gegensätze. «Na und?», stösst er keuchend hervor, «willst du jetzt etwa schlappmachen, nach deinem gloriosen Auftritt in der Hütte?»
Josef starrt entgeistert auf seinen Seilpartner. Was um Himmels Willen ist in diesen gefahren?
«Der verwegene Abenteurer aus Übersee», stammelt Peter, «der strahlende Held, der Frauen sammelt wie Viertausender, wie?» ... In den blauen Augen schimmern Tränen. Die Hände ballen sich zu Fäusten.
«Erst die Susi und dann...» Die letzten Worte gehen unter im heulenden Wind.

Josef braucht einen Moment, bis er begreift. Susi? ... Meint er etwa die Susi mit dem Pferdeschwanz? ... Susi war sein Schulschatz, aber das war vor über zwanzig Jahren! Schon damals war er seinem Kollegen eine Nasenlänge voraus. Aber ist es denn seine Schuld, dass der andere den Mund nicht aufgemacht hat, dass der komische Kerl im Bergkaff versauert ist, während er in Kalifornien Karriere gemacht hat?
Josef fröstelt. Die Kälte kriecht in seine Knochen. Jetzt ist nicht die Zeit für Diskussionen. Sie müssen sich bewegen. Bei normalen Bedingungen ist die Platte ein Kinderspiel. Nun ist alles anders. über Nacht hat sich die Oberfläche in ein Eisfeld verwandelt.

Sollte er Abseilen? Einen Moment lang zögert Josef, dann entschliesst er sich zum Weiterklettern. Er löst den Karabiner aus dem Metallring und überlässt Peter das Sichern. Seine Finger tasten nach dem nächsten Griff. Bald wird er in der Wärme sein. Margrits Gesicht hat geglüht beim Tanzen und er hat diesen erregenden Körper gespürt. Er weiss, dass er bei ihr Chancen hat. Er weiss, dass sie auf ihn wartet. Zentimeter um Zentimeter schiebt er sich hoch, auf ein schmales Band. Das Ende der Platte taucht aus dem Schneegestöber auf. Noch drei Meter bis zum Stand, dann kann er das Seil einklinken. Er wird es schaffen. Einmal noch, ein allerletztes Mal.

Der Sturz kam ohne Vorwarnung. Irgend etwas muss ihn aus dem Gleichgewicht gerissen haben. Blank schimmernder Fels fliegt rasend schnell vorbei. Immer schneller. Dann ein scharfer Ruck. Ein Schlag. Jetzt müsste der Flug eigentlich stoppen. Aber Josef fällt weiter. Er spürt das Brausen des Windes in seinen Ohren. Wie lange ist eigentlich dieses Seil? Granitblöcke ziehen an ihm vorüber. Kamine, Risse, Überhänge, Abgründe.
Viertausender tauchen auf, leuchten rötlich in der Abendsonne, verblassen wieder und verwandeln sich in die sonnenbeschienenen Wände des Yosemite Valley. Gipfelkreuze erscheinen und erstrahlen in unwirklichem Glanz. Gipfelumarmungen, Gipfelküsse. Matratzenlager. Margrit lacht, winkt, nein es ist Susi, nein Luzia, Susan, Maya, Mary, Marie-Louise. Sein Vater kommt auf ihn zu, gratuliert. Du hast es geschafft. Dein letzter Viertausender!
Josef streckt seine Hand aus, doch seine Finger berühren nur kalten Stein. Wieso ist die Hand so feucht, und wo ist eigentlich Peter geblieben? Ist er am Sichern?

Wo ist eigentlich Peter geblieben. Die Worte kreisen in seinem Kopf, erzeugen einen Widerhall, lassen ihn nicht mehr los. Er hat diesen Satz schon einmal gehört? Aber von wem, und wo?

Bilder, Erinnerungsfetzen ziehen an ihm vorüber. Und dann weiss er es: Es ist nach dem Tanzen, als Margrit und er schwitzend und übermütig zum Platz zurückkehren. Wie zufällig hat sie sich bei ihm eingehakt. Da lässt ihn Margrit plötzlich los, sieht sich um und fragt unruhig: «Wo ist eigentlich Peter geblieben?» ...

Am Horizont erscheint ein Helikopter. Josef winkt, schwenkt eine grosse weisse Fahne. Hier..., hier sind wir! Wir brauchen Hilfe, dringend! Doch der Hubschrauber dreht ab, schwebt in einer weiten Kurve auf den Gipfel zu und verliert sich in der unendlichen Weite des blau-weiss gleissenden Himmels.

[ Schreibwerkstatt Christa & Emil Zopfi ]