© Marlène Linsmayer, Jenaz
xghost(at)gmx.ch

Bergmann

Es war einmal vor langer Zeit. Vor langer, langer Zeit.
Ein Mann packt wie so oft sein Bündel mit den Dingen, die er brauchen wird. Der Morgen hat noch nicht gegraut, als er sein Heim verlässt und fortgeht. Seine Mutter, die beiden kleinen Kinder und seine Frau schlafen noch. Schritt um Schritt entfernt er sich von dem, was ihm Wärme und Geborgenheit bedeutet.

Er fragt sich selbst oft, wieso er das wohl tue, warum er sich freiwillig in die Kälte und die Gefahr der Berge begebe. In seinem Innersten weiss er die Antwort auf diese Frage, aber irgendwie fehlen ihm die Worte, das auszudrücken, was er an Tagen wie diesem empfindet. Auf jeden Fall ist es ein gutes Gefühl.

Die Sonne ist noch nicht zu sehen, aber ihr bevorstehender Aufgang zeichnet sich schon deutlich zwischen den östlichen Bergspitzen ab. Eine Veränderung parallel zum Tagesanbruch ist auch bei dem Mann festzustellen. Sein Geist fühlt sich mehr und mehr an wie ein freier, leichter Vogel, ganz im Gegensatz zu seinem Körper, der mit jedem Schritt schwerer wird, so schwer wie ein Stein. Das Schwereverhältnis zwischen seinem Körper und seinem Geist verändert sich zwar mit der jeweiligen Höhenlage aber der Mann hat dennoch immer gleich schwer zu tragen. -Je schwerer das Eine ist, desto leichter ist das Andere.

Auf der Bergspitze angekommen - es muss so gegen Mittag gewesen sein - setzt er sich eine Weile hin. Er nimmt sein Bündel zur Hand, isst etwas und geniesst seinen leichten Geist, welcher stolz über dem schweren Körper kreist.

Nach einer Weile packt er seine Sachen wieder zusammen und wirft einen letzten Blick in die Tiefe, die Welt, die ihn schon erwartet. Anschliessend macht er sich auf den Heimweg. Er erreicht seine Familie erst, als es schon eine Weile dunkel ist und sich das Verhältnis zwischen Körper und Geist wieder eingependelt hat.

Solche kleinen Ausflüge machte der Mann noch viele in seinem weiteren Leben. Täglich zog es ihn zu den Gipfeln und er folgte diesem inneren Drang, solange es ihm seine Gesundheit erlaubte. Etwa ein halbes Jahr vor seinem Tod bestieg er zum letzten Mal den Berg, der ihm und seiner Familie am nächsten war. Die Tage, die ihm nun noch blieben, musste er wohl oder übel unten bei seiner Familie bleiben. Er liess sich jeden Morgen hinausbringen, setzte sich hin und schaute sehnsüchtig zu den Bergen.

Ich weiss leider nicht, wann und wo genau dieser besagte Mann lebte. Ich weiss nur wie er hiess. Sein Name war Sisyphos und Camus bezeichnet ihn als einen glücklichen Menschen. Ich glaube er hatte recht.

[ Schreibwerkstatt Christa & Emil Zopfi ]