Tuolumne Meadows: Klettern und Wandern im High Yosemite

Im Granit der Sierra Nevada

Bergsteiger denken beim Wort «Yosemite» vor allem an die Bigwalls von El Capitan und Half Dome. Doch der Nationalpark in der Sierra Nevada in Kalifornien bietet mit den Tuolumne Meadows auch für klassisch ausgerichtete Kletterer, für Sportfreaks der scharfen Richtung und für Wanderer eine hervorragende Alternative zum überlaufenen Yosemite Valley, besonders in den heissen Sommermonaten.

Drei Millionen Jahre hat das Wasser die Graniflanke gefurcht, weissgewaschen und fast grifflos ist der Riss, der Körper zwängt sich hinein, windet sich mit wurmartigen Bewegungen in die Höhe, die Hände tasten der runden Kante entlang. Hoch über dem Kletterer glitzern Quarzkristalle im Gestein, statt der ersehnten Sicherungshaken, im wolkenlosen Blau kreist ein Adler, als warte er auf Beute. Vor hundert Millionen Jahren ist der Granit der aus der Tiefe der Erde gewachsen, Gletscher haben den Fels zu mächtigen Körpern geformt, die ihre schuppigen Rücken wie träge Saurier aus den Mooren und Wäldern der Hochfläche im östlichen Teil des Yosemite Nationalparks in der Sierra Nevada heben: «Dome» werden die Felsrücken genannt. Vom Half Dome fallen die Wände gegen Westen in ein tiefes Tal ab, das Yosemite Valley mit seinen tausend Meter hohen Bigwalls.
Für den Kletterer zählen jedoch nicht die Jahrmillionen, sondern nur die Sekunden, wenn die Angst der grossen Befreiung weicht und das Seil in den letzten der drei Haken klickt, welche den «Water Crack» in der Westwand des Lembert Dome absichern. Blick hinab: auf dem Park- und Picknickplatz tummeln sich Ausflügler, einige versuchen, die glattgeschliffenen Granitplatten am Fuss des Doms hochzusteigen, bis die Schuhe nicht mehr haften. Wo eine Seilschaft schon sichert, ruschen Kinder auf dem Hosenboden den glatten Fels hinab. Das Empfinden der Schwierigkeit ist auf Granitplatten überall sehr relativ. Als 5.7 in der amerikanischen Skala eingestuft, erscheint uns mit Haken verwöhnten europäischen Einsteigern der «Water Crack» viel schwieriger als die 5+, die er nach der Vergleichstabelle sein dürfte.

Klettern bis zum rettenden «Knob»

Klettern in den Tuolumne Meadows ist Liebe auf den zweiten Blick. Lange stand das «High Yosemite» als Klettergebiet im Schatten der Bigwalls im «Valley», das als Wiege des modernen Klettersports gilt. Im «goldenen Zeitalter» zwischen 1950 und 1965 wurde hier die Bigwalltechnik entwickelt, in den siebziger Jahren auch das Freiklettern mit modernen Kletterschuhen und Magnesia. Die Wände in den Tuolumne Meadows sind flach und niedrig im Vergleich mit den senkrechten Tausendmeterwänden von El Capitan und Half Dome. Als höchste erreicht die Nordwand des Fairview Dome gerade 300 Meter. Aber es gibt andere Gründe als Wandhöhe und Steilheit, um hier zu klettern. Das Valley ist zum Rummelplatz verkommen, mit Hotels, Shoppingcenters und Touristenattraktionen, während die Meadows trotz der gut ausgebauten Strasse noch ursprünglich und einigermassen ruhig geblieben sind. Wegen der hohen Lage ist die Saison kurz und kühl, im vergangenen Sommer konnte die Strasse über den Tiogapass, den mit 3000 Metern höchsten Pass Kaliforniens, erst Mitte Juli geöffnet werden. Im September kann bereits wieder Schnee fallen.
Trotzdem sind die Granitdome in den vergangenen Jahren bei den Kletterern immer beliebter geworden. Neben den klassischen Riss- und Plattenrouten, die seit den fünfziger Jahren geklettert werden, haben «Locals» Sportrouten in den höchsten Schwierigkeitsgraden eingebohrt. Im leichteren Gelände suchen wir allerdings meist vergeblich nach dem rettenden «Bolt»: Man darf wieder einmal mit Friends und Klemmkeilen experimentieren, sofern die kompakten Platten überhaupt die Möglichkeit zum Legen einer Sicherung bieten. Ansonsten heisst es: «Runout»! Ins Leere klettern in der Hoffnung, auf der roten Granitplatte finde sich als Griff einer der häufigen Quarzknoten, ein «Knob», oder eine Kante, wo die oberste, spiegelglatte Felsschicht abgesplittert ist. Senkrecht ist die Wand ja nicht, und manchmal geht es ganz ohne Griff und Tritt ... Die Tuolumne Meadows gelten wegen der spärlichen Sicherungen und der weiten «Runouts» als anspruchsvolles Klettergebiet. Fast wichtiger als das Seil sind die eigenen Nerven. Vertraut man aber nach ein paar Tagen selbst dem «Süssen Nichts», wie ein Routenname verheisst, dann ist der Klettergenuss vollkommen. Und wird gekrönt durch den atemberaubenden Blick vom Gipfel über die weiten Fichtenwälder, die Bergseen, die Hochmoore, durch die der Tuolumne River mäandert, der einst die Goldwäscher hierherlockte.

Der Bär ist keine Mär

Bald bekommen wir auch Lust, die Urlandschaft auf einem der vielen Wanderwege zu erkunden. IN den Meadows treffen sich der «Pacific Crest Trail», ein 2600 Meilen «Hike», der die USA von Nord nach Süd durchquert, und der «John Muir Trail», benannt nach dem Mann, der sich um die Schaffung des Yosemite Nationalparks im Jahr 1890 verdient gemacht hat. Für die langen und anspruchsvollen Wanderungen ist eine Bewilligung einzuholen, wie überhaupt für jede Übernachtung in der Wildnis. An einem Regentag wandern wir zum Cathedral Lake auf einer der vielen Tagesrouten, die von der Strasse aus markiert sind. Die Parkordnung ist streng und wird von uniformierten «Rangers» überwacht, dafür ist Natur schon wenige Meter neben den Strassen und Wanderwegen noch vollständig intakt. Umgestürzte Bäume verrotten und zerbröseln, Spechte picken im Holz, Murmeltiere schauen den Wanderern zu, die hochgetürmte Rucksäcke schleppen. Und vielleicht stammt jener Trampelpfad im Dickicht von einem Schwarzbären, der Beeren und Eicheln sucht oder einen Rucksack voller Proviant.
Auf dem Abstieg von einer Klettertour, verirrt zwischen Felsblöcken und Gebüsch, fährt uns plötzlich der Schreck in die Glieder: Wenn jetzt ein Bär auftaucht! Ruhe bewahren, in die Hände klatschen, Steine werfen empfehlen die Rangers. Nebst dem «Runout» auf den Granitplatten kann auch der Bär angst machen. Solange er in unberührter Natur lebt, ist er scheu und flieht, doch sobald er mehrmals menschliche Nahrung gefressen hat, wird er aggressiv und bricht selbst Autos auf, in denen er Proviant wittert. Rund achthundert Zwischenfälle mit Bären gibt es im Yosemite jährlich, einige davon mit Verletzten. Ein Merkblatt, das nebst vielen weiteren Informationen im «Visitor center» aufliegt, lehrt richtiges Verhalten, denn nicht der Bär ist das Problem, sondern der Mensch. So wie auch der Abgrund nicht das Problem ist, sondern der Mensch, der ihn überwinden will, aus welchem Grund auch immer.
«Stately Pleasure Dome» heisst die Wand die sich im Tenayasee spiegelt, blankgescheuerter weisser und roter Granit verspricht Genuss. Über uns hören wir italienische Stimmen, in einem Riss kämpft der Dottore aus Mailand mit den Tücken der Sicherung, die Klemmkeile fliegen ihm immer wieder aus der Wand, er flucht, während Signora am Stand schon etwas bleich geworden ist unter der Sonnenbräune. Wir kennen uns aus den Kletterwänden bei Finale Ligure in Italien, sprechen über den Monte Corno und den amerikanischen Espresso und wundern uns, wie klein doch die Welt ist, dass wir auch an ihrem andern Ende immer wieder denselben Menschen begegnen.

Emil Zopfi



Lage: Im östlichen Teil des Yosemite National Parks, Sierra Nevada, Kalifornien, c.a. 2500 müM.
Charakter: Granit, meist Platten- und Risskletterei, c.a. 600 klassische Routen, eher schlecht abgesichert, rund 100 moderne, mit Bohrhaken ausgerüstete Sportrouten ab 6+.
Jahreszeit: Juni bis August
Anfahrt: Von San Francisco über Freeway 580 nach Manteca, dann Strasse 120 bis Tuolumne Meadows, c.a. 300 km
Information: Yosemite Association, Box 230, El Portal, CA 95318
Visitor Center an der Strasse 120 im Park (209) 372-0263.
Unterkunft: Camping oder Lodge im Park
Ausrüstung: Sportgeschäft im Park
Einkaufsmöglichkeit: Im Park
Kletterführer: Don Reid and Chris Falkenstein: Rock Climbs of Tuolumne Meadows, Chockstone Press, Evergreen, Colorado 1992
Wanderführer: R.J. Secor, The High Sierra - Peaks, Passes and Trails, The Mountaineers, 1992

 

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