Red Rocks: Sportklettern in der Mojavewüste
Nicht Glücksspiel ist das Ziel, wenn Kletterer nach Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada reisen, sondern roter Sandstein. Der Naturpark der Red Rocks im Westen der Wüstenstadt ist eines der schönsten Sportklettergebiete der USA. Nebst modernen Bohrhakenseillängen gibt es eine grosse Zahl klassischer Klettertouren jeder Schwierigkeit und Länge sowie steinige Wanderwege.
Die pensionierte Dame im Waschsalon in Salt Lake City strahlte,
als sie erfuhr, dass wir das gleiche Ziel hatten: Las Vegas! Ob
wir auch «Gamblers» seien, fragte sie. «Nein, Climbers», erklärten
wir, «doch auch wir spielen. Nur nicht im Casino, sondern in freier
Natur. Und die Spielfiguren sind wir selbst.» Bald sollte sich
unser Scherz bewahrheiten.
Wenn im Westen der Wüstenstadt Las Vegas die Sonne sinkt, zeichnet
sich der Horizont schwarzgezackt in den roten Himmel, doch schon
bald versinken die fernen Berge im Gefunkel der Leuchtreklamen
und Lichteffekte. Draussen in der Mojavewüste erwacht ein Nachtleben
anderer Art: Klapperschlangen kriechen aus ihren Spalten und machen
Jagd auf Kangarooratten, wilde Esel laben sich an einer Wasserstelle,
auf einem Felsblock schwingt ein Wüstenschaf seine gezwirbelten
Hörner. Ein letzter Jeep fährt auf der Strasse durch das Naturschutzgebiet
am Fuss von Mount Wilson und La Madre Mountain, dann schliesst
der Parkwächter das Tor. Vom Nachtleben der Tiere ist der Mensch
ausgeschlossen. Wohl oder übel muss er mit dem Sündenbabel der
Glücksspieler und Genusssüchtigen vorlieb nehmen, zu dem sich
der einstige Handelsposten der Mormonen entwickelt hat, seit der
US-Bundesstaat Nevada in den dreissiger Jahren das Glücksspiel
legalisierte.
Klettern im erstarrten Wüstensand
Frühmorgens ist es noch kühl, wir fahren durch die staubige Vorstadt
nach Westen, meilenweit dehnen sich einförmige Einfamilienhaussiedlungen.
An ihrem Rand walzen Bagger die Kaktusse nieder, das Kreosotengebüsch
und die Josua-Trees, baumartige Kaktuspflanzen, die nur in der
Mojavewüste gedeihen. Mit Golfplätzen, Asphalt und Zierpflanzen
drängt der Mensch die Wüste zurück. Ein Glück, dass es 1990 gelungen
ist, einen der schönsten Winkel im Mojave unter den Schutz der
Regierung zu stellen. Die Red Rock Canyon National Conservation
Area umfasst flaches Wüstengebiet, aus dem das Gebirge bis zu
2500 Metern Höhe aufstrebt, tiefe Schluchten durchfurchen seine
abweisenden Felswände.
Ab sieben Uhr morgens ist das Tor zur Panoramastrasse durch den
Park geöffnet, wir überholen Mountainbiker, die sich auf der 20
Kilometer langen Asphaltpiste, dem «Loop», abstrampeln. Bald tauchen
die Calico Hills auf, eine Kette von rundlichen roten Hügeln.
Vor 100 Millionen Jahren sind die einstigen Sanddünen in einer
Reaktion von Eisenoxyd und Kalziumkarbonat mit Wasser zu Sandstein
erstarrt. Sandstürme und Regenschauer haben den weichen Fels zu
teils rundlichen, teils bizarren Formen modelliert, mit Löchern,
Rinnen und Höhlen durchsetzt. Der Sandstein ist sandgelb, ziegelrot
oder altrosa gefärbt, je nachdem fühlt sich der Fels verschieden
an und verlangt eine angepasste Klettertechnik. Klettern? Hier?
Wir steigen beim zweiten Parkplatz aus, betrachten fast enttäuscht
die Sandsteinhügel, die überhaupt nicht wie ein Klettergebiet
aussehen. Doch eine grosse Tafel warnt: «Jedes Jahr werden Leute
beim Klettern getötet!» Ohne Studium des Führers wären wir wohl
weitergefahren und hätten die Wände gesucht. Wir wandern einem
sandigen Pfad folgend in die Wüstenlandschaft, vorbei an Kaktussen,
durch ein ausgewaschenes Felsental, umklettern ein Becken mit
stehendem Wasser, in dem sich Rossköpfe tummeln, schlagen uns
durch Dornengestrüpp, das «Katzenklauen» heisst und entsprechend
kratzt. Bald verstehen wir, warum im Führer der Weg zu den Kletterwänden
fast Meter für Meter beschrieben ist: Die scheinbar niedrigen
und einförmigen Hügel bilden in Wirklichkeit ein kompliziertes,
von tiefen Schluchten durchschnittenes Labyrinth, in dem man sich
mühelos verirren kann. Geklettert wird nur an wenigen Stellen
um die Natur zu schonen.
Schatten bestimmt die Route
Im «Black Corridor», einer schattigen Felsschlucht mit perfekt
eingerichteten Sportkletterrouten, drängt sich die internationale
Kletterszene auf engem Raum: Wir hören Englisch, Französisch,
Holländisch, Sächsisch und Berndeutsch. Seil hängt neben Seil,
und alle bedauern, dass das deutsche Klettermagazin «Rotpunkt»
die Red Rocks zum Top-Gebiet erklärt hat trotzdem sind alle
da, mit der Zeitschrift in der Hand.
Es ist September, noch ist es heiss und die Suche nach der geeigneten
Route ist eine Suche nach Schatten, freundlicherweise ist auch
das im exzellenten Führer vermerkt. Klettern ist in den Calico
Hills jedoch in jeder Jahreszeit möglich, im Sommer, wenn die
Sonne mit mit über 40 Grad brennt, empfiehlt der Autor Todd Swain
«viel Wasser zu trinken». Regen ist selten ausser heftigen Gewittern
im Juli und August. Dann muss man aufpassen, dass einen nicht
ein Wildbach wegspült, und ein Tag lang darf nicht mehr geklettert
werden, denn der Sandstein wird so weich, dass Griffe und Tritte
beschädigt würden.
Die Erschliessung der Red Rocks als Klettergebiet begann nicht
in den Calico Hills, sondern in den tiefen Schluchten, die sich
aus der Wüste in die Bergkette hineinziehen. Die «Locals» Joe
Herbst, Joanne und Jorge Urioste erkletterten ab 1968 die teilweise
finsteren Wände dieser Canyons mit klassischen Mitteln. Der Fels
hat oftmals eine fast schwarze Oberfläche, doch die Kletterei,
beispielsweise in der riesigen Verschneidung «Dark Shadows» am
Mescalito-Tower, ist einzigartig und nicht so schwer, wie sie
aussieht eine «Seifenoper» schreibt Todd Swain. Wenn die Calico
Hills an der Sonne backen, findet sich in den Canyons stets der
begehrte Schatten. «Icebox-Canyon» heisst eine der Schluchten,
die auch durch Wanderwege erschlossen sind. Nähert man sich ihrem
Eingang, so mischen sich plötzlich Föhren unter die Kaktusse,
ein kühler Wind zieht einem entgegen, irgendwo plätschert ein
Bach und nach wenigen Schritten ist man aus der Wüste im Gebirge.
Die Red Rocks waren wegen dieser Wasserstellen schon in prähistorischer
Zeit Lebensraum für Wüstenbewohner, Indianer haben hier ihre magischen
Zeichen in den Fels geritzt.
Das metallene Klicken klang, wie wenn eine Münze im Casino in
die Slot-Maschine fällt, doch es war kein «Quarter», sondern eine
Sicherung, die ausbrach, ein «Friend», und was fiel war der Mensch,
der sich in das Spiel mit einem Riss in der senkrechten Felswand
geworfen hatte. Ich stürzte, landete auf den Füssen, rieb die
Augen, nichts gebrochen, nichts geschürft. Ich hatte verloren,
doch wenigstens meinen Einsatz zurückgewonnen: Mich selber. Wie
hatte doch die alte Dame im Waschsalon gesagt: «In Las Vegas braucht
es einfach Glück.»
Emil Zopfi