Computermuseum ZEIT: Der DEC Rainbow 100

Die Farben der Vergangenheit

Die Familie ging zum Regenbogen. Es begann mit dem feierlichen Auspacken diverser Kartonschachteln: Bildschirm, Zentraleinheit, Tastatur, Drucker. Plastic, crèmefarben und fabrikneu duftend. Der Vater scheuchte mit nervösen Handbewegungen die Kinder von der Elektronik weg, die Mutter breitete ein gesticktes Tuch über Lattenkisten, denn natürlich fehlte ein geeigneter Tisch. Dann stand der erste Familiencomputer breit inmitten des grössten Raums der Vierzimmerwohnung. Die neue Zeit hatte begonnen. Fortan wurden Gäste feierlich ins Allerheiligste geführt, der Schalter gekippt, erklärt.

Es gab kein eleganteres Gerät als den Regenbogen von Digital Equipment, exakt: Rainbow 100+. Der Bildschirm schimmerte bernsteinfarben, seine Form war vollkommene Stromlinie. Die Tastatur war ergonomisch ausgestaltet und reichlich mit Funktionen ausgestattet. Stand irgendwo zufällig ein Rainbow neben dem direkten Konkurrenzprodukt, dem IBM-PC, so erkannte man Schneewittchen neben Aschenputtel. Im August 1981 hatte IBM den ersten Personalcomputer angekündigt, DEC folgte im Mai 1982. Die Wahl zwischen den beiden bereitete keine Qual, denn das Innenleben des Regenbogens versprach die Zukunft: Zwei Prozessoren und zwei Betriebssysteme auf einen Streich. Die Entwickler hatten offensichtlich auf zwei mögliche Linien gesetzt. Oder sich nicht entscheiden können. Jedenfalls arbeiteten der bewährte 8-Bit-Rechner Z80 von Zylog und der 16-Biter 8086 von Intel Hand in Hand, der eine besorgte die Verarbeitung, der andere In- und Output. Ob man nun die Diskette mit dem klassischen 8-Bit-Betriebssystem CP/M oder dem brandneuen 16-Bit-MS-DOS einschob, war dem Benutzer anheimgestellt und richtete sich meist nach der Software, die man fahren wollte: Microsoft Basic, Multiplan, Wordstar, DR-Logo, Lotus 1-2-3, Fibu 100, Pacman. Herz, was begehrst du mehr? Das meiste war kopiert, doch das galt als Kavaliersdelikt damals, denn Kopieren trug zur Verbreitung der Produkte bei.

Das Betriebssystem CP/M war einfach und schnell, MS-DOS brauchte mehr Platz und Zeit, doch die 256 Kilobyte Arbeitsspeicher erschienen gigantisch, was die Zukunft bringen würde, ahnte noch niemand. Der einzige Misston im glücklichen Programmieren und Kalkulieren und Texte-Verarbeiten war das laute Knarren der Diskettenlaufwerke, wann immer das System einen Zugriff machte. Jedes Mal zuckte man zusammen, der Computerraum der Schule, die mit mehreren Rainbows ausgerüstet war, wurde zum Sägewerk. Doch es flogen keine Bestandteile durch die Luft, Zuverlässigkeit war ein hervorragendes Merkmal des Regenbogens: in zwei Jahren fiel nur einmal der Drucker aus. Von der Konkurrenz hörte man ganz andere Geschichten. Mit der Kompatibilität, die in der Pionierzeit des Personal-Computing vor einem Dutzend Jahren ins Gerede kam, war es leider weniger gut bestellt: Diskettenformat und Bildschirmsteuerung des Rainbow entsprachen nicht dem von IBM gesetzten Industriestandard. Andererseits fehlten die Maus und die grafische Oberfläche, mit welchen der Macintosh die eher verspielten Nutzer in seine Falle lockte. Das Schöne begann seine hässlichen Seiten zu zeigen, der Regenbogen strahlte zwischen Stuhl und Bank. Irgendwann stellte DEC die Produktion ein und zog sich aus dem PC-Geschäft zurück. «Das Gerät lag ohnehin neben unserer Entwicklungslinie», kommentiert man heute, an verkaufte Stückzahlen mag sich niemand mehr erinnern.

Die Famile stand im Regen. Gut, hatte sie die 14 000 Schweizerfranken teure Konfiguration inklusive Nadeldrucker, aber ohne Festplatte, mit Schulrabatt zum halben Preis bekommen. Doch auch der bildungspolitische Ansturm von DEC wurde zwischen der IBM- und der Macintosh-Fraktion aufgerieben.
Seine letzte Stärke entfaltete der Rainbow nach der Anschaffung eines Modems: Die Terminalsoftware war fest eingebaut im ROM, ein Tastendruck und man konnte im Terminalmodus kommunizieren. Diese Eigenschaft verlängerte die Lebensdauer der Geräte, als sie schon zu Schrott erklärt waren. Die Schule entsorgte Dutzende von Rainbows als VT100 Terminals zum Preis von 100 Franken, so durften die bernsteinfarbenen Bildschirme noch eine Weile weiterstrahlen, bis alle Welt nach Farbe schrie. Übrigens gab es zum Rainbow auch einen Farbbildschirm, ein schweres Monster, jedoch von hervorragender Qualität. Der Name verpflichtete schliesslich.

Nach zwei Jahren war also das Glück schon in Scherben, der Rainbow kam auf den Estrich, wo er heute noch in einer Ecke steht, funktionstüchtig, vergraben unter Bergen von Handbüchern und Dutzenden von Schachteln mit 5 1/4-Zoll Disketten. Manchmal packen Vater oder Sohn Anfälle von Nostalgie. Dann stecken sie die Kabel zusammen, schieben Disketten ein, lauschen auf dem Bauch liegend dem vertrauten Knarren der Laufwerke, starten eines der vielen Programme, die sie damals geschrieben haben, in Basic, in Pascal, in Logo, und es ist wie einst. Die Vergangenheit schlummert nicht nur in den Fotoalben, sondern auch im Computerschrott.

Emil Zopfi

 

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