Peak Distrikt: Wo die Berge eben sind.

Felsen, Wind und Weite


Das Erklimmen der Gritstone-Felsen im Peak Distrikt ist mehr als Klettern ? es ist Religion. Wer sich über die Verschandelung der Alpen mit Bohrhaken ärgert, kann im ältesten Nationalpark Englands auf 10'000 Routen die «natürliche Sicherungstechnik» üben.

Alan ist ein Sonnenkind. Nach zehn Jahren als Devisenhändler an der Wall Street und in der Londoner City hat er seine Kravatte in den Schrank gehängt, um sich ganz seiner Leidenschaft hinzugeben: dem Klettern. «Wir riskieren es», sagt er, als wir bei Regen in London abfahren. In Chesterfield bricht schon die Sonne durch die satten Wolken, und in Hathersage, einem touristisch herausgeputzten Dorf im Herzen des Peak Distrikts, spannt sich blauer Himmel über die Hügel. Wir steigen einen Abhang hinauf, an mächtigen Felsklötzen vorbei gegen Stanage Edge, einem von hundert Klettergebieten in Englands ältestem Nationalpark zwischen Sheffield und Manchester. Da und dort krabbeln ameinsenhafte Gestalten an dem grünbraunen Felsband, das sich kilometerweit nach Norden zieht.
«Ist das die Wand?» frage ich vorsichtig.
«Ja, klar», antwortet mein Führer. «Nicht hoch genug?»
«Jedenfall breit genug.»

«Big Walls», zwanzig Meter hoch

Was ich noch nicht weiss ist: Die Felsen im Peak Distrikt können wachsen. Auch wenn die zwanzig Meter auf den ersten Blick nach nichts aussehen, sie türmen sich plötzlich zur Unendlichkeit, wenn die Finger in einem runden Riss Halt suchen und die Schuhspitzen auf einer Leiste auf dem sandsteinartigen Gritstone gerade noch haften. Der letzte Sicherungspunkt ist tief im Abgrund verschwunden. Beklommen klebt der grosse Alpinist an der Wand und kommt sich winzig klein vor. Dabei wurde die Route «Robin Hoods Cave» schon im Jahr 1932 erstmals erklettert, Hut ab vor den Pionieren.
Wie beruhigend wäres es jetzt, unter dem abschliessenden Überhang einen Bohrhaken einzuklinken, aber wenn es im Gritstone jemals solches Teufelswerk gab, dann haben es die fundamentalistischen Locals längst ausgetrieben. «Gritstoneklettern ist eine Religion und Ungläubigen werden die Finger oder noch Schlimmeres abgeschnitten», droht selbst das gediegene Führerwerk «On Peak Rock» des British Mountaineering Council. Man rüstet sich deshalb für die gut zwanzig Meter hohe Felsstufe mit Friends und Klemmkeilen und Expresschlingen, als gälte es einem Big Wall. Die Sicherungsgeräte, die hier als «natural gear» bezeichnet werden, sind jedoch nicht Natur, sondern modernste Hig-Tech Produkte, das fachgerechte Anbrigen in Rissen und Löchern macht das Klettern um eine Dimension schwieriger. Doch die «Fabrikation» von Routen im kontinentalen Stil ist den Engländern ein Graus. Wenn die Tour geklettert ist, bleiben nur Magnesiaspuren im Fels zurück.
An einer Hand hängend gelingt es mir schliesslich, in einem Riss über dem Überhang einen Klemmkeil zu plazieren, dann erreiche ich das Hochplateau und werde von einem wandernden Ehepaar mit Hund freundlich begrüsst. Ich richte an einem Felsblock einen alpinen Sicherungsstand ein und komme mir vor, als hätte ich den Piz Badile erklommen. Kühl bläst mir der Wind ins Gesicht.

Kleine Felsen mit grosser Geschichte

Schon im letzten Jahrhundert durchstreiften Wanderer aus den Industriestädten Manchester und Sheffield die einsamen Hochmoore, Hügel und Täler der südlichen Pennies, dem Rückgrat der englischen Insel, die im 636 Meter hohen Kinder Scout gipfeln. Der Sheffielder Jim Puttrell begann 1885 in den Felsen zu klettern, die oft als Steinbrüche dienten. Die Häuser der Dörfer, die sich in den windgeschützten Tälern gruppieren, sind aus Gritstone gefügt wie auch die soliden Trockenmauern, welche die Schafweiden umzäunen und der Landschaft ihr herbes Gepräge verleihen. Aus dem kristallinen Millstone-Grit wurden auch Mahlsteine gehauen, da und dort liegt am Fuss einer Wand noch einer herum. Puttrell, der schauzbärtige Pionier, kletterte 1889 mit Dächlikappe und Nagelschuhen, das Hanfseil um den Bauch geknotet, den Dargai Crack, nach britischer Schwierigkeitsbewertung eine VS 4b. Nach UIAA-Skala wäre das etwa eine 5+, doch der Alpinist muss sich in England man nicht nur an das Linksfahren auf den Strassen und ans Biermass Pint gewöhnen, sondern auch an die kryptischen Schwierigkeitsangaben. Zwei Stellen beschreiben die Route insgesamt. VS bedeutet zum Beispiel «very severe», dazu kommt die Bewertung der Schlüsselstelle, 4b entspricht etwa 5+.
Im Gritstone kletterten in den fünfziger Jahren bekannte Alpinisten wie Peter Harding, Joe Brown und Don Whillans, sie gehörten dem Valkyrie Mountaineering Club an. Zu ihren Ehren klettern Alan und ich die klassische Route Valkyrie auf den Frogatt Pinnacle, einen schönen Felsturm, der aus einem Birkenwald aufragt, bloss zwanzig Meter hoch und doch ein Unternehmen, denn wegen der komplizierten Seilführung ist ein Zwischenstand nötig. Es dauert, bis alle Friends sauber in den horizontalen Rissen verankert sind. Klettern im «klassischen Gritstone» ist eine bedächtige Angelegenheit, von der Hast und dem Leistungsstress der modernen Klettergärten ist wenig zu spüren. Zeit haben wir genug, die Tage sind lang, die Abendstimmungen traumhaft, wenn die Sonne flach über das Land scheint, der Westwind vom Meer her bläst, das man im Dunst nur ahnen kann, und irgendwo ein paar Schafe blöken.

Sheffield, Mekka der Kletterszene

In den Tälern des Peak Distrikts tritt unter dem Gritstone Kalkfels zutage, in den kleingriffigen Abbrüchen werden Borhaken geduldet, aber nur in den obersten Schwierigkeitsgraden. Hier profiliert sich die junge englische Elite, etwa Jerry Moffatt, den man «King of the Peaks» nennt, oder Ben Moon. Beide wohnen in Sheffield, dem Mekka der britischen Kletterszene. «Für meinen Sohn war keine Frage, was er studieren sollte, sondern nur wo. Es kam nur in Sheffield in Frage», sagt der Vater eines Kletterfreaks.
Tourismus bildet nebst Schafzucht und den Steinbrüchen die Hauptindustrie im Peak Disktrikt. Am Samstagabend findet man in den Pubs kaum mehr einen Stehplatz an der Bar, geschweige denn irgendwo ein Bett. Seit 1952 ist das Gebiet Nationalpark und intensiv genutztes Naherholungsgebiet, in dem sich nicht nur Kletterer, sondern auch Wanderer, Biker, Höhlenforscher und Gleitschirmflieger ihre Dosis Natur holen. Fast die Hälfte der englischen Bevölkerung wohnt nicht weiter als 80 Kilometer vom Peak Distrikt entfernt. Doch Freund Alan hat nach zehn Jahren Arbeitsstress viel Zeit, und so können wir die gut ausgebauten Infrastrukturen unter der Woche geniessen und bei Hausmannskost und «some Pints of Bitter» die Kalorien für den nächsten Tag tanken.
Das Wetter wird dann doch recht britisch, grauschwarz und melancholisch schleichen die Wolken über die Moore. Statt im Wind zu frieren, ziehen wir es vor, in Sheffield die legendäre Kletterhalle «The foundry» zu besuchen. In einer alten Giesserei in der Stadt, in welcher der Stahl erfunden wurde, stählen heute die Klettersportler ihre Muskeln,

Emil Zopfi


Lage: Peak Distrikt National Park zwischen Manchester und Sheffield, 300 bis 600 müM.
Charakter: Klassische Kletterrouten bis 30 Meter in sandsteinartigem Gritstone, hakenfrei, dh. gutes Sortiment Friends und Klemmkeile nötig. Harte Sportrouten bis 60 Meter in steilem Kalk. Insgesamt rund 10'000 Routen in 100 verschiedenen Gebieten, dazu unzählige Boulderblöcke.
Jahreszeit: April bis Oktober.
Anfahrt: Von Sheffield oder Manchester mit Auto. Eisenbahn bis Hathersage oder Buxton. Diverse Buslinien.
Information: British Mountaineering Council BMC, Crawford House, Precinct Centre, Booth St. East, Manchester M13 9RZ. Tel. 0044 161 445 4747.
Unterkunft: Bed and Breakfast, Hotels, Camping. Auskunft: Buxton Tourist Information Center, The Crescent, Buxton, Derbyshire, SK17 6BQ. 0044 1298 25 106
Ausrüstung: Outside, Hathersage u.a.
Indoor: The Foundry, 45 Mowbray Street, Sheffield
Kletterführer: On Peak Rock, Selected Climbs. Britisch Mountaineering Council. ISBN 0 903908 91 3. Auslieferung: Cordee, 3a De Montfort Street, Leicester LE1 7HD.

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