«Selbst Affen würden ausflippen...»

Vier Sterne hat der deutsche Rotpunkt-Kletterführer «Schweiz Ost» dem Klettergarten auf der Mettmenalp verliehen und damit die Bestnote. Für den zeitgemässen Kletterstil eingerichtet hat ihn Felix Ortlieb, Fels-, Wort- und Bildkünster aus Schwanden.

Unter den Füssen nichts als Luft. «Nur Fliegen ist schöner», heisst die Route, die hart über dem Überhang ins Leere quert. Die Finger krallen sich an feine, gelbrote Felszacken, die Slicks suchen tänzelnd Halt über dem Abgrund, hoch über Grasbüscheln, Alpenrosenstauden und grasenden Kühen. Ein Sturz würde im Leeren enden, federn abgefangen vom Seil, das durch den Sicherungsring am Gürtel der jungen Frau unten auf dem Grasband gleitet. Magnesiapulver stäubt, die Quarzadern im Fels glitzern, der Karabiner schnappt in den Bohrhaken, ganz aussen an der Kante. Ein harter Zug zerrt die Muskeln bis zum Letzten: Geschafft! Die Seilumlenkung klinkt ein, die Spannung fällt ab, das Blut rauscht in den Ohren. Schön ist die Welt.

Bohrhaken ersetzen den Alpenstock

Mettmen galt einst als Paradies der Heidelbeertouristen, die tagsüber ihre Blechkessel füllten und abends im Berggasthaus die Bäuche mit Bier, während die Mutigsten, bewehrt mit Alpenstock und Nagelschuh, den Kärpfstock hinten im Tal erklommen. Bekannt war auch, dass im Frühling an ein paar Felsklötzen im «Widerstein», zwanzig Minuten über dem Garichte-Stausee, Alpenclub- und Naturfreundesektionen ein bisschen Seiltechnik, klettern und abseilen übten. Für wahre Alpinisten war das Gebiet tabu. Mettmen war ein Synonym für rote Socken.
Doch vor fünf Jahren fuhr der erste Bohrhaken in den harten Quarzporphyr von einem der 18 Felsklötze, die am Abhang des Gandstocks hingestreut liegen, als hätte sie ein Zyklop vom Grat herabgeschleudert, mitten in die herbe Landschaft, die wegen des grünbeflechteten Urgesteins den Eindruck erweckt, man befinde sich nicht im Glarnerland, sondern in den schottischen Highlands. «Eigentlich ist das Einrichten von Routen eine Dreckarbeit», sagt Felix Ortlieb, der in den Bergen der Welt kletterte und selbst tausend Meter hohe «Bigwalls» im kalifornischen Yosemite-Valley meisterte, bevor er auf die zehn bis zwölf Meter hohen Felsbrocken stiess. Er war gerade frisch verheiratet, hatte eine Stelle als Musterbauer für Elektroapparate in der «Therma» angetreten und konnte nicht mehr reisen wie früher. Die Bohrmaschine war die Alternative. «Ich kannte die professionell eingerichteten französischen Klettergebiete und sagte mir, das können wir hier auch machen, das Potential ist vorhanden.»
Heute stecken auf 108 Routen fünfhundert Bohrhaken, die meisten von ihm gesetzt. Eine beeindruckende Leistung, denn eine Sportkletterroute entsteht nicht einfach indem eine Reihe von Löchern in den Fels gebohrt und mit Expansions- oder Klebedübeln versehen werden. Eine Route ist zuallererst eine Idee, eine Auseinandersetzung mit dem Fels und seiner Struktur, die schliesslich in einen komplexen Bewegungsablauf vom Einstieg bis zur Seilumlenkung an der oberen Kante des Blocks mündet. Die Haken nur zur Sicherung verwenden, nicht zur Fortbewegung ist das Ziel.

Bunte Ameisen krabbeln auf Riesenkiesel

Der Klettergarten Widerstein ist ein Spielplatz für alle: Hier wagen Kinder und Grossmütter ihre ersten Schritte auf leichten, geneigten Felsplatten, und Spitzenkletterer finden «Dauerpower-Probleme» im höchsten Schwierigkeitsgrad an weit ausladenden Überhängen. Selbst Frédéric Nicole, gegenwärtig Nummer 1 der «Swiss-Cup» Rangliste im Klettersport, ward schon beim Training gesichtet. An sonnigen Wochenenden im Frühsommer krabbeln oft hundert bunte Ameisen an den Riesenkieseln auf und ab, die Stimmung ist leicht, locker und fröhlich. Die Freude der andern ist für Felix Ortlieb der Lohn für die «Dreckarbeit» des Einrichtens. «Geben und Nehmen ist meine Idee vom Klettern», sagt er. Deshalb macht er seine Routen und Entdeckungen publik, und dabei meldet sich der Künstler zu Wort. Der Kletterführer, den er im Selbstverlag herausgibt, ist von Hand gezeichnet und geschrieben, in einem ausdruckvollen, starken Strich. Die Routenskizzen gehören zur Auseinandersetzung mit dem Stein, und er will, dass das die Kletterer spüren, die das Büchlein in die Hand nehmen. Es soll nicht aus anonymen Computerbuchstaben bestehen, sondern sein eigenes intensives Erleben vermitteln: das Gefühl der Freiheit, das den Kletterer beseelt, «von innen heraus». In der gleichen Form verlegt er auch seine Gedichte, die oft seine Auseinandersetzung mit dem Fels, dem Berg, der Natur widerspiegeln, und die er mit einfachen Strichzeichungen illustriert.

Poesie auf Papier und Fels

«Ein leeres weisses Blatt ist für mich eine noch grössere Herausforderung als der Fels, der ja bereits eine Struktur hat, Risse und Leisten, Griffe und Tritte», sagt Felix Ortlieb. «Höhen und Tiefen» heisst eines seiner poetischen Werke, die er seinen Freunden verschenkt.
Der «Klettergarteführer Glarnerland» dagegen ist ein Bestseller, zwei Auflagen mit insgesamt 1000 Stück sind bisher verkauft, mit den Einnahmen deckt er einen Teil der Kosten für die Borhhaken. Sponsoren, darunter der Verkehrsverein und der Alpenclub, haben weitere Beiträge geleistet an die rund 5000 Franken Materialaufwand. «Der Klettergarten soll auch der Region dienen», sagt Felix Ortlieb. Hier sind die Freaks willkommen, Probleme gibt es kaum, ausser ein paar am Lagerfeuer verbrannten Zaunpfählen oder Zeltgräben in der Alpweide. Campieren ist seit jeher verboten, da sich Mettmen im Wildschutzgebiet des Freiberg Kärpf befindet. Neu ist, dass das Verbot auch durchgesetzt werden soll.
Poesie findet im Klettersport auch an der Wand statt: Jede Route bekommt einen Namen, der die Auseinandersetzung des Erstkletterers mit dem Fels, mit Politik und Umwelt oder mit dem eigenen «Hier und Jetzt» zum Ausdruck bringt. «Ozonloch», «Munggä-Rap», «Adrenalin» sind verschlüsselte Botschaften an die Nachkletterer. «Shock the Monkey», das Lied von Peter Gabriel, klang Felix Ortlieb in den Ohren, als er eine Route einrichtete, die ein weit ausladendender Überhang krönt, bei dessen Überwidnung der Kletterer an den Armen hängend in der Luft baumelt. «Ich dachte, hier müsste selbst ein Affe ausflippen». Neuerdings tauft er auch die einzelnen Felsbrocken und um den mächtigsten Monolithen, das «Mammut», plant er eine Rundkletterei, wenige Meter über dem Boden, aber stellenweise extrem schwierig. «Klettern», so sagt Felix Ortlieb, «hat auch etwas Kindliches, Spielerisches. Die Möglichkeiten sind noch gross.» Und sollten sie einmal erschöpft sein, bleiben ihm ja immer noch die weissen Blätter.

Emil Zopfi


Klettergartenführer Glarnerland,
Herausgegeben durch Felix Ortlieb, Thonerstrasse 102, 8762 Schwanden.

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