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Fels im heiligen Land
Sportklettern in Israel
Steine dienen in Israel und Palästina nicht nur als Waffen. Es
gibt auch Klettergebiete mit griffigem Kalk und hilfsbereite «Locals»,
die den Besucher mit Griff und Tritt vertraut machen..
Beim Wachtposten am Eingang zur Siedlung Beit Arye halten wir
an. Nadav deponiert seine Identitätskarte, bekommt einen Schlüssel,
dann fahren wir auf der Schotterstrasse dem Zaun entlang bis zu
einer Gittertür. Jenseits des Stacheldrahts fällt die Felswand
senkrecht ab in ein Wadi. Am gegenüberliegenden Hang pflügt ein
palästinensischer Bauer den Olivenhain. Die singenden Rufe, mit
denen er seinen Ochsen antreibt, schweben herüber, während wir
Felsstufen abklettern bis an den Fuss der Wand aus rötlichem Kalk,
die bei den israelischen Kletterern beliebt ist, weil sie nicht
weit von Tel Aviv liegt und fast den ganzen Tag Schatten hat.
Wir klettern im Niemandsland zwischen einer dieser umstrittenen
Siedlungen mit den roten Dächern, bewohnt von Angestellten aus
den High-Tech Industrien beim Ben Gurion Airport, und der Low-Tech
Landwirtschaft der palästinensischen Westbank. Noch ist Frieden
und nach dem Klettertag werden wir unten im arabischen Dorf in
einem Café freundlich bedient mit Cola, Humus und Fladenbrot.
Mein Frage, ob auch Palästinenser klettern, beantwortet Nadav,
Vorstandsmitglied des Israeli Alpine Club, mit philosophischen
Sätzen über Armut und Überfluss in der Welt und unsern Sport als
Ausdruck des letzteren. Kurz: Er hat noch nie einen Palästinenser
im Fels gesehen. Und noch nie Schweizer in den israelische Klettergebieten.
Nicht nur er, sondern alle israelischen Kletterer, die wir kennenlernen,
finden uns höchst seltsame Erscheinungen. Für die Sicherheitsbeamtin
am Flughafen sind wir sogar überaus verdächtige Subjekte. Warum
kommen Leute aus dem Land von Eiger und Matterhorn, von dem die
israelischen Bergsteiger nur träumen, um sich an zwanzig Meter
hohen Klippen die Fingernägel abzubrechen?
«Klettern», so erkläre ich, «ist für uns ein Weg zu den Menschen.»
Zum Beispiel zu Nadav Khalifa. Wir haben ein paar E-Mails ausgetauscht,
nach unserer Ankunft telefoniert, einen Treffpunkt abgemacht,
uns im Chaos des Ben Gurion Airports an einer Tankstelle gefunden.
Kletterer erkennt man von weitem an Kleidung und Körpersprache.
Nadav ist Sozialpädagoge und als Seilretter ausgebildet. Während
sechs Jahren hat er im Kibbuz Metsukei Dragot hoch über dem Toten
Meer eine Kletter- und Canyoningschule geführt, die inzwischen
mangels Kunden wieder eingegangen ist. Die Szene ist klein, der
israelische Alpenclub hat 300 Mitglieder und organisiert selber
Canyoning- und Klettertouren in Israel und im Sinai. Wann er gegründet
worden ist, weiss selbst der Geschäftsführer Gal Efron nicht genau.
«Vielleicht schon in den Zwanzigerjahren, lange vor der Gründung
des Staates Israel.» Einen Kletterführer gibt es nicht, doch der
Club ist bereit, Routenbeschreibungen abzugeben und Ratschläge
zu erteilen. Zum Beispiel, welche Felsen ohne Gefahr zugänglich
sind. Denn einige der lohnenden Gebiete stehen unter palästinensischer
Autonomie, zu denen der Zugang zeitweilig gesperrt ist.
En Fara zum Beispiel, ein Wadi, das sich vom Hochplateau im Nordosten
Jerusalems gegen Jericho hinunterzieht. An der israelischen Siedlung
Almon vorbei, die wie eine Wehrburg über der Schlucht trohnt,
kurven wir eine steile Schotterstrasse hinab fast möchten wir
im Auto schon anseilen. Unten jedoch, am Grund der felsigen Wüstenschlucht,
sprudelt ein Bergbach der Kletterwand entlang, die aus griffigem
rauhem Kalk besteht. Teilweise ist sie stark überhängend überaus
sportliches Gelände. Sofort erklären uns die «Locals» die verschiedenen
Routen und ihre Tücken. Als gegen Mittag die Sonne in die Wand
fällt, drängen sich die Kletterer in den Schatten einer Höhle
an der gegenüberliegenden Wand, wo Klettern verboten ist. Auch
hierzulande kommt es zu harten Auseinandersetzungen mit den Naturschutzbehörden
um Kletterverbote. In En Fara kümmern sich nicht alle um die Verbotstafeln.
Wir hören das charakteristische Pochen der Bohrmaschine in einer
überhängenden Wand nicht weit von einer Felsenklause, in der russisch-orthodoxe
Mönche schweigend ihr Leben verbringen. Der Sabbath ist den Kletterfreaks
selbst im heiligen Land nicht mehr heilig. Felix, ein Spitzenkletterer
und Ingenieur aus dem High-Tech Zentrum Karmiel im Norden, braut
auf dem Gaskocher arabische Kaffee und lädt uns ein. Mein Magnesiasäcklein
sticht ihm ins Auge, ich tausche es gegen einen Sack Kaffeepulver
mit Kardamon und ein paar Routenbeschreibungen. Eine Gruppe palästinensischer
Lehrer aus dem nahen Anata hat uns beim Klettern zugeschaut. Der
Englischlehrer erkundigt sich, woher wir kommen und ob wir Juden
seien. Eigentlich wäre für sie ein Arbeitstag, doch sie streiken
um mehr Lohn. Eine Kletterausrüstung würde bei ihrem Gehalt wirklich
nicht drinliegen. Die Stimmung ist friedlich, erst kurz darauf
beginnt die Intifada, die auch in Anata Tote fordert.
Zum Abschluss unserer Kletterwochen in Israel führt uns Nadav
im Wadi Temarim am Toten Meer auf eine Felsnadel. Ruhig und perfekt
wie ein erfahrener Bergführer sichert er einen langen brüchigen
Riss mit Friends ab. Selbst Helme hat er für uns besorgt. Ein
letzter Klimmzug, der Gipfel, ein atemberaubender Blick durch
die Felsschlucht und über einen Hain von Dattelpalmen hinaus auf
das Salzwassermeer, das sich graublau und träg bis zu den gelben
Bergen auf der jordanischen Seite hin ausbreitet. Später baden
wir an einem natürlichen Strand, duschen in einer Quelle, die
aus einer Felshöhle sprudelt. «Wir sind in vielen Ländern geklettert,
aber selten haben wir so freundliche und hilfsbereite Kletterer
angetroffen wie in Israel», sage ich, als wir uns von Nadav verabschieden
vielleicht für immer.
Informationen:
Israeli Alpine Club, POB 39101, Jerusalem 9130.
Manager Gal Efron 00972 2 9943051
israel-alpine@mail.geocities.com
Klettergebiete:
Beit Oren (Machtzevot Kdumim), auf dem Karmel. Von Haifa auf Strasse
672, dann 721 bis Parkplatz Machtzevot Kdumim bei einer scharfen
Rechtskurve nach Beit Oren Junction. Fussweg 50 m zu den Felsen.
16 Top-Rope-Routen (18m) 5b bis 7c.
El-Muhraqua, auf dem Karmel. Von Haifa auf Strasse 672 via Daliyat
el-Karmel. 6 Sportkletterrouten (25m) 6a bis 7c, eingerichtet.
Machtzevot Zikhron Yaakov, südlicher Karmel. Ca. 30 Sportkletter-
und Top-Rope-Routen (10m) 5c bis 8a.
Beit Arye in der Westbank. Vom Ben Gurion Airport bei Tel Aviv
auf Stasse 465 bis zur Siedlung. Ca. 30 Sportkletterrouten (30m)
5a bis 7c, meist eingerichtet.
En Fara, im Nordosten von Jerusalem. Auf Strasse 1 und 437 zur
Siedlung Almon, rechts vorbei und auf Schotterstrasse ins Wadi.
Ca. 20 Sportkletterrouten 5c bis 7c, meist eingerichtet.
Wadi Temarim, Eingang in die Schlucht durch Hinweistafel markiert
bei der Dattelplantage, ca. 20 Km vom Nordende des Toten Meeres.
Fussweg 20 Min. zum Einstieg. Mehrseillängenrouten mit Abseil-,
aber meist ohne Zwischenhaken.
[ Copyright © Emil Zopfi ] |

Unter den Felsen von Beit Arye.
Inspektion der Stelle meines Absturzes im Frühling 2000.
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