Leseprobe aus dem RomanLondons letzter GastVon Emil Zopfi@ Limmat Verlag, Zürich, 1999 Crick steigt mit einer Kerze in der Hand die steile Treppe ins Kellergeschoss hinab. Ein Gang führt weiter in ein modriges Gewölbe, das mit Spinnweben verhangen ist. Feuchtigkeit glitzert an den Mauern. Mit feierlicher Stimme kündigt er an: "Die grosse Maschine!" Sie bleiben vor einem unförmigen Gebilde stehen, das mit fleckigen Leintüchern zugedeckt ist. Crick reisst sie mit einem Ruck weg, als ob er ein Denkmal enthülle. Kalkstaub rieselt zu Boden. Jedes Wort betonend sagt er: "Die grosse Maschine. Analytical Engine. Die grösste Denkleistung der Geschichte, materialisiert in einer genialen Konstruktion." Alex erblickt im Kerzenlicht ein verrostetes Monstrum aus Zahnrädern, verstaubten Nockenscheiben, Wellen, senkrecht aufragenden Ziffernwalzen, Zahnstäben, die wie Spiesse nach allen Seiten in die Dunkelheit stechen. "Speicherstäbe, dezimal", erklärt Crick andächtig, beginnt eine Handkurbel zu drehen. Ächzend und klappernd setzt sich der Mechanismus in Bewegung, so mühsam und widerborstig, als habe er die letzten hundert Jahre vor sich hin gerostet. Das soll Zukunft sein? Der Mann ist vollkommen übergeschnappt. Warum hängt sich Ann an einen solchen Spinner? Ausgerechnet sie als Corporate Security Officer in einem High-Tech Unternehmen, das die modernste Technologie der Welt einsetzt. Crick bekommt einen roten Kopf vor Anstrengung, japst nach Atem im Takt mit dem Rattern der Maschine, dreht mit beiden Händen am Kurbelrad, bis ihm die Kraft ausgeht. "Babbage wollte die Maschine mit Dampf antreiben. Darum prägte er die Metapher vom Rechnen mit Dampf." Crick ringt nach Luft und gibt auf. "Kommen Sie." Auf einem Tisch türmen sich rechteckige Kartonstücke mit runden Löchern, die mit Leinenstreifen zusammengeklebt und wie eine Handharmonika gefalteten sind. "Was ist das?" Der Professor stellt eine Prüfungsfrage. Alex antwortet gehorsam: "Das Programm." "Richtig! Ada hat es geschrieben. Also ich meine, Ann ... Ein zyklischer Algorithmus, der sich endlos wiederholt und in einem immer exakteren Resultat konvergiert. Ada bezeichnete die Analytical Engine als ?die Maschine, die sich in den eigenen Schwanz beisst?. Wie recht sie hatte, beweisen die Ereignisse dieser Tage." "Was leistet das Programm?" "Berechnung der Zahl Pi ..." Liebevoll lässt Crick die Programmharmonika durch seine Finger schnarren. Dann flüstert er: "In allen Geschichtsbüchern steht, Babbage sei gescheitert. Er habe seine Maschine nie vollendet. Eine Lüge. Was sie hier sehen, ist seine Konstruktion. Es ist das Original, gebaut von Joseph Clement. Ich habe sie hier im Keller entdeckt, in einem gefangenen Raum, nachdem wir das Haus gekauft hatten. Ada hat sie programmiert. Sie funktioniert. Hier ist der Beweis ..." Er schreitet zu den Zahlensäulen, liest die Ziffern von den Rädern "3.1415926535. Pi auf elf Stellen, wie finden Sie das?" "Moderne Computer haben Pi auf Millionen von Stellen berechnet. Was soll das?" "Sie hatten! Die Analytical Engine ist der einzige Computer in London, der noch zuverlässig arbeitet. Er war der letzte und wird der erste sein. Wie es in der Bibel steht." Alex schaut zu, wie Crick mit einem Schraubenzieher im Mechanismus stochert. Er wird das Gefühl nicht los, es habe sich nichts bewegt ausser der Handkurbel und ein paar Zahnrädern. Alles ist Betrug, man spielt ihm etwas vor, hat ihn in eine Falle gelockt. Oder dann ist Crick wirklich ein Verrückter, von der Geschichte besessen wie Laurie, der Ripperologe. Vom gleichen Wahn gepackt, nur in der Vergangenheit würden sich die Lösungen finden für die Probleme der Zukunft. "Ada hat mir erzählt, Sie seien auch in der Kryptologie tätig gewesen. Stimmt das?" "Ada? Eben sagten Sie, Ada habe im neunzehnten Jahrhundert gelebt." "Ich meine natürlich Ann." Crick lächelt verkrampft. "Oft nenne ich sie Ada. Ihre Dissertation, Sie verstehen ... Unser Altersunterschied ist ähnlich wie jener von Babbage und Lady Lovelace ... Auch sonst haben die beiden viel gemeinsam. Ann und Ada ... Sie verstehen." Alex versteht. Sagt: "Mein Fachgebiet ist Netzsicherheit. Kryptologie gehört natürlich dazu. Aber der eigentliche Experte war John Goodrich." Der Professor fährt mit einem öligen Lappen zärtlich über die rostigen Metallstäbe und Zahnräder. "Wissen Sie, dass sich auch Babbage mit Kryptologie beschäftigt hat? Unter anderem mit Anagrammen." "Ich weiss", wirft Alex hin, um seine Überraschung zu verstecken. "Sie wissen ja alles, Sir. Kennen Sie denn Babbages Anagramme?" Als Alex zögert, greift er sich einen Notizblock aus der Brusttasche des Labormantels, schreibt ein Wort darauf: misrepresentations. "Das ist mein Favorit. Sehen Sie eine Lösung?" Alex überlegt einen Augenblick, schüttelt den Kopf. "In diesem Anagramm ist meine ganze Philosophie zu Babbage verpackt. Deshalb habe ich es als Motto meinem Buch vorangestellt." "Misrepresentations. Was haben wir denn falsch dargestellt?" "Die Zahlen! Genau wie die Römer!" ruft Crick aus. "Leibniz nannte das Dualsystem göttlich, doch im Grunde genommen stammt es vom Teufel. Siliziumtechnologie ist Erde, entstammt folglich der Hölle. Jetzt gibt nur eines: von vorne beginnen! Bei der Mechanik, die sichtbar ist, durchschaubar, beherrschbar und menschlich. Und beim Dezimalsystem, das uns Gott in die Hände gelegt hat. Das er uns buchstäblich auf den Leib schrieb." Er hebt seine unversehrte Hand, spreizt die Finger. "Und nun die geniale Lösung ..." Er streicht Buchstabe um Buchstabe, auf dem Zettel wächst ein Satz: I tore ten Persian Mss. "Genial, nicht wahr?" Cricks Augen leuchten. "Und was soll das bedeutet?" "Ich zerriss zehn persische Märtressen. Vielleicht ..." Crick zwinkert ihm kumpelhaft zu. "Interpretieren Sie es, wie sie wollen." Das Lachen lässt sein Gebiss klappern. Crick, die Grille. Er dreht sich um und steigt die Treppe voran ins Erdgeschoss. |
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